Europäische Aktien mit 30% Potenzial? Bewertungslücke bleibt groß.
Kernpunkte
- Ein Blick auf die Bewertungen zeigt mögliche Konsequenzen, sollte eine neue Ära europäischer Aktien beginnen, oder sogar die Vormachtstellung des US-Kapitalmarktes ins Wanken geraten.
- Bei einer Rückkehr zu historischen Bewertungsrelationen ergibt sich für den breiten Euro Stoxx ein Kurspotenzial von bis zu 30%.
In den letzten Monaten hat das wirtschaftliche und politische Umfeld selbst für hartgesottene Marktteilnehmer die eine oder andere Überraschung bereitgehalten: Die USA überziehen Mexiko und Kanada mit Zöllen, und Deutschland lässt die Zeit fiskalischer Sparsamkeit hinter sich. Entsprechend stark waren die Bewegungen an Aktien-, Anleihen- und Devisenmärkten. Insbesondere das Ausmaß der Outperformance europäischer Aktien dürfte den einen oder anderen kalt erwischt haben. Wir haben uns bereits im letzten Spotlight zu diesem Thema geäußert. Doch was nun? Waren das nun die drei goldenen Monate für europäische Aktien? In unsicheren Zeiten können Bewertungen einen Anhaltspunkt dafür geben, was am Markt bereits eingepreist ist.
Unsere Bewertungsmodelle zeigen: Aktien aus vielen europäischen Märkten sind – der Rallye sei Dank – mittlerweile historisch teuer, aber im globalen Vergleich immer noch moderat bewertet. Deutschland liegt in Relation zu anderen Aktienmärkten ebenfalls lediglich im Mittelfeld. Anders sieht es bei US-Aktien aus. Trotz der jüngsten Korrektur sind sie im historischen Kontext und global betrachtet weiterhin extrem hoch bewertet.
Normalisierte Bewertungen für unterschiedliche Aktienmärkte (IBES-Länderindizes)
Um die oben dargestellte Bewertungsthematik greifbarer zu machen, betrachten wir für unsere folgenden Überlegungen das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den breiten Euro Stoxx und den S&P 500. Unser im obigen Chart dargestelltes, differenzierteres Bewertungsmodell liefert zwar zusätzliche Details, welche aber die Kernaussagen der KGV-Betrachtung bestätigen, weshalb wir uns hier auf diese beschränken.
Traditionell wird für US-Aktien ein Bewertungsaufschlag gezahlt. Aktuell liegt das für die kommenden 12 Monate geschätzte KGV für den S&P 500 bei rund 21, während der breite Euro Stoxx Index 7 Punkte niedriger bewertet ist. Im langjährigen Mittel betrug der Aufschlag lediglich 3 Punkte.
Kurs-Gewinn-Verhältnis: S&P 500 minus Euro Stoxx
Dieser Bewertungsunterschied mag klein erscheinen, könnte jedoch erhebliche Marktauswirkungen haben. Im Extremfall, wenn die Bewertungsdifferenz zum S&P 500 ausschließlich über Kursgewinne des Euro Stoxx geschlossen würde, ergäbe sich ein rechnerisches Kurspotenzial von rund 30% für Euro-Titel.
Variablen und Unsicherheiten
Eine Anpassung der Bewertungen muss allerdings nicht zwangsläufig über höhere Aktienkurse in Europa ablaufen.
Denkbar sind auch:
- Fallende Aktienkurse in den USA. Sollten US-Aktien um etwa 15% fallen, würde sich das Bewertungsgefälle ebenfalls ausgleichen.
- Steigende Unternehmensgewinne bei unveränderten Aktienkursen in den USA
- Geringere Unternehmensgewinne bei unveränderten Aktienkursen in Europa
Sowohl eine Outperformance europäischer Aktien in Höhe von 30%, als auch eine weitere Korrektur von US-Aktien von 15% stellen Extremfälle innerhalb der denkbaren Szenarien dar. Sie sind daher Eckpunkte unserer Überlegungen, nicht aber das Basisszenario, gerade auch vor dem Hintergrund der bereits starken Divergenz zwischen beiden Märkten in den vergangenen drei Monaten. Sollte es zu einer Normalisierung der Bewertungen kommen, wird diese typischerweise über eine Kombination von Veränderungen bei den Unternehmensgewinnen und den Aktienkursen, sowie über einen längeren Zeitraum erreicht.
Also, alles halb so wild? Diesen Eindruck wollen wir nicht uneingeschränkt vermitteln, denn die aktuellen politischen Veränderungen sind keineswegs normal. Insofern gibt es auch keine Garantie für einen graduellen, langsamen Anpassungsprozess am Kapitalmarkt. Und: Wir haben „konservativ gerechnet“, und lediglich eine Rückkehr zu historischen Bewertungsaufschlägen für US-Large Caps unterstellt. Es würden also lediglich die Übertreibungen der letzten paar Jahre abgebaut. Das „Ende der US-Ausnahmestellung am Aktienmarkt“, welches manch einer vorschnell in den Raum wirft, würde nochmal zu wesentlich stärkeren Verwerfungen führen.
Fazit
In unserem letzten Spotlight haben wir darauf hingewiesen, dass europäische Aktien nach einem technischen Schub auch aufgrund fundamentaler Entwicklungen weitere Kursgewinne verzeichnen könnten. Diese Annahme hat sich bestätigt: Die jüngste Rallye gegenüber US-Aktien ist im historischen Vergleich bereits außergewöhnlich. Nun könnte es allein technisch bedingt erst einmal zu einer kleineren Verschnaufpause kommen.
Doch in einem Umfeld, in dem in rasender Geschwindigkeit bisher sicher geglaubte wirtschafts- und geopolitische Grundsätze in Frage gestellt werden, könnte es auch am Kapitalmarkt zu einer noch weitreichenderen Neubewertung kommen. Für Europa wird entscheidend sein, ob neben frischem Kapital auch strukturelle Reformen vorangetrieben werden. In den USA rückt neben der Handelspolitik vor allem die Frage in den Fokus, ob die Trump-Administration wirtschaftspolitisch überzieht und das Vertrauen in die Ausnahmestellung von US-Aktien ins Wanken gerät. Sollte dies tatsächlich eintreten, könnte der immer noch bestehende Bewertungsunterschied deutlich schneller abgebaut werden als viele erwarten.
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